Fliehkräfte


Da wo dem Anschein nach oben ist, reproduziert sich eine gut gebildete Elite zunehmend selbst. Man ist 12 bis 16 Stunden täglich mit der Anhäufung von materiellen und postmateriellen Gütern beschäftigt. Ackert und rackert, buckelt und rödelt -natürlich auf hohem Niveau-, man flitzt hin und her zwischen Bahn- und Flughafen, zwischen Berlin, Köln, London oder gar New York.
Diese bestens gebildeten Menschen leiden am oberen Ende des gemeinschaftlich erarbeiteten Wohlstands an ihrem vermeintlich überprivilegierten Leben und versuchen irgendwie höher und höher zu kommen, immer in der Hoffnung die Fliehkräfte des Karrierekarussells mögen sie verschonen und nicht abwerfen.

Am Boden der Tatsachen wird die Zahl der Menschen, die scheinbar abgehängt und zunehmend chancenlos, ihre Köpfe in den Nacken legen und die Nasen gen Aufstieg recken, immer größer. Staunend schaut man hinauf und versucht zu erkennen, was über den eigenen Häuptern gerade vor sich geht. Lange Zeit waren es bewundernde, von   Neid und Sehnsucht gefüllte Blicke, die man da nach oben warf. Man hoffte und strebte danach irgendwie den Absprung zu schaffen und auch einsteigen zu dürfen, in den vermeintlichen Aufstieg, den sozialen, oder persönlichen oder materiellen. „Reck Dich und streck Dich, dann darfst Du mitmachen und teilnehmen!“ So lautete das Versprechen, dass unsere Gesellschaft einem jeden mit in die Wiege legte. Und so bemühte man sich , man rannte und keuchte, as und schlief, kackte und funktionierte, immer den Blick auf ein besseres Leben gerichtet, dass da kommen sollte, wenn man weit genug komme. 
Das Karussell drehte sich und dann und wann hörte man von jemandem, der es geschafft hatte, den Aufstieg und den Absprung vom Boden. Von jemandem der eine echte Karriere machte, der nun ein besseres Leben lebte.
Aber heute scheint das Versprechen vom Aufstieg gebrochen!
Es rumort am Boden: In London und an den Börsen und in Griechenland. Das Karussell dreht sich schneller und höher denn je. Am Boden macht das Gerücht die Runde, dass man da kaum noch reinkommt, dass es nur noch wenige schaffen. Es scheint, als sei der Absprung in den Aufstieg schwerer - vielen vielleicht zu schwer- vielleicht sogar unmöglich geworden.
Haben die, die letzte Woche durch London zogen und wahllos plünderten, vielleicht das Gefühl, dass sie keine Chancen mehr haben, dass sie liegengeblieben sind, einfach übrig,  dass das „System“ sie abgehängt hat und sie niemand mehr braucht? Klingt in klirrenden Scheiben vielleicht der Schrei nach einem “Wir sind auch noch hier!” “Was ist mit unserem Leben?” mit?
Diese Gewalt kann man nicht legitimieren! Aber wo sie aufkommt, muss man fragen, wo sie herkommt? Sind die Fliehkräfte, die vom Motor der Effizienz und des Leistungsdrucks erzeugt werden, vielleicht zu groß geworden? Dreht sich das Karussell zu schnell? Geht unseren globalisierten Gesellschaften die Idee der Gemeinschaft verloren? Wissen die Menschen vielleicht nicht mehr warum sie um sechs Uhr in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit sitzen? Schätzt die Gemeinschaft ihre Leistung nicht mehr wert? Erkennen sie sich nicht mehr in dem wieder, was mit ihnen und um sie herum passiert?
Bieten sich genug Chancen auf ein eigenes Leben?

 Foto under CC by beacon radion on Flickr