Sie frisst alles


Wo man nicht zu sprechen wagt, in dunklen Ecken nistet sie sich ein und wartet und wartet. Wartet auf Momente in denen Knie weich werden, das Leben Striche durch Rechnungen macht. Wenn die Welt  ins Wanken kommt, beginnt sie zu wachsen. Still nährt sie sich von Dunkelheit und Schweigen, von Unausgesprochenem, von Scham und Not. Je mehr Ruhe sie hat, desto besser gedeiht sie, breitet sich aus, gewinnt an Macht. Frei von Umsicht nutzt sie jeden Raum,  drängt in jeden Winkel, ist irgendwann überall. Dann bleibt nichts frei; nur Angst bestimmt. Nur Not noch, überall. Sie herrscht allein, furchtbar, diktiert Gedanken und legt sich über noch so schöne Eindrücke. Sie ist dann immer da und befiehlt über, Denken, Fühlen, Leben. Jeder Schritt scheint wie von Felsen gebremst, jedes Gefühl verklebt vom dunklen Hemmschuh ungesagter Not. 

Die Macht nimmt nur der direkte Blick in ihr Gesicht, die Aussprache ihrer Anwesenheit entzieht ihr Kraft. Ein Fingerzeig auf ihre Existenz, der hält sie klein und zahm. Dann ist sie wichtig, warnt; dient still ruhend.    

Überholtspur


Lass locker. Hier gibt es heute nichts mehr zu gewinnen. Tritt einen Schritt zurück. Lass die anderen vorbei; mach das mal wenigstens heute. Du startest heute nicht mehr durch. Aber mach weiter, immer weiter mit dem woran Du glaubst. Deine Ziele sind nicht die von Tausenden, sondern Wünsche eines einzelnen. Daran glauben tust erstmal nur Du und später die, die Du  von Dir überzeugt hast. Du trittst in keine Fußstapfen. Du kannst keinen Schritten folgen. Heute bist Du Deines Weges müde. Umso mehr, da Du die anderen auf der Straße siehst wie sie Dich überholen. Aber das ist ihr Weg. Dein Weg ist mein Dein und weder ich noch Du weißt ob Du da irgendwo das Glück findest. Aber wenn ein Pfad zu Deinem führt, dann Dein eigener.

Foto auf Flickr Mathew Wilkinson

Fliehkräfte


Da wo dem Anschein nach oben ist, reproduziert sich eine gut gebildete Elite zunehmend selbst. Man ist 12 bis 16 Stunden täglich mit der Anhäufung von materiellen und postmateriellen Gütern beschäftigt. Ackert und rackert, buckelt und rödelt -natürlich auf hohem Niveau-, man flitzt hin und her zwischen Bahn- und Flughafen, zwischen Berlin, Köln, London oder gar New York.
Diese bestens gebildeten Menschen leiden am oberen Ende des gemeinschaftlich erarbeiteten Wohlstands an ihrem vermeintlich überprivilegierten Leben und versuchen irgendwie höher und höher zu kommen, immer in der Hoffnung die Fliehkräfte des Karrierekarussells mögen sie verschonen und nicht abwerfen.

Am Boden der Tatsachen wird die Zahl der Menschen, die scheinbar abgehängt und zunehmend chancenlos, ihre Köpfe in den Nacken legen und die Nasen gen Aufstieg recken, immer größer. Staunend schaut man hinauf und versucht zu erkennen, was über den eigenen Häuptern gerade vor sich geht. Lange Zeit waren es bewundernde, von   Neid und Sehnsucht gefüllte Blicke, die man da nach oben warf. Man hoffte und strebte danach irgendwie den Absprung zu schaffen und auch einsteigen zu dürfen, in den vermeintlichen Aufstieg, den sozialen, oder persönlichen oder materiellen. „Reck Dich und streck Dich, dann darfst Du mitmachen und teilnehmen!“ So lautete das Versprechen, dass unsere Gesellschaft einem jeden mit in die Wiege legte. Und so bemühte man sich , man rannte und keuchte, as und schlief, kackte und funktionierte, immer den Blick auf ein besseres Leben gerichtet, dass da kommen sollte, wenn man weit genug komme. 
Das Karussell drehte sich und dann und wann hörte man von jemandem, der es geschafft hatte, den Aufstieg und den Absprung vom Boden. Von jemandem der eine echte Karriere machte, der nun ein besseres Leben lebte.
Aber heute scheint das Versprechen vom Aufstieg gebrochen!
Es rumort am Boden: In London und an den Börsen und in Griechenland. Das Karussell dreht sich schneller und höher denn je. Am Boden macht das Gerücht die Runde, dass man da kaum noch reinkommt, dass es nur noch wenige schaffen. Es scheint, als sei der Absprung in den Aufstieg schwerer - vielen vielleicht zu schwer- vielleicht sogar unmöglich geworden.
Haben die, die letzte Woche durch London zogen und wahllos plünderten, vielleicht das Gefühl, dass sie keine Chancen mehr haben, dass sie liegengeblieben sind, einfach übrig,  dass das „System“ sie abgehängt hat und sie niemand mehr braucht? Klingt in klirrenden Scheiben vielleicht der Schrei nach einem “Wir sind auch noch hier!” “Was ist mit unserem Leben?” mit?
Diese Gewalt kann man nicht legitimieren! Aber wo sie aufkommt, muss man fragen, wo sie herkommt? Sind die Fliehkräfte, die vom Motor der Effizienz und des Leistungsdrucks erzeugt werden, vielleicht zu groß geworden? Dreht sich das Karussell zu schnell? Geht unseren globalisierten Gesellschaften die Idee der Gemeinschaft verloren? Wissen die Menschen vielleicht nicht mehr warum sie um sechs Uhr in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit sitzen? Schätzt die Gemeinschaft ihre Leistung nicht mehr wert? Erkennen sie sich nicht mehr in dem wieder, was mit ihnen und um sie herum passiert?
Bieten sich genug Chancen auf ein eigenes Leben?

 Foto under CC by beacon radion on Flickr


Vorwärts? In welche Richtung


Im Zug, das Zeit-Magazin vor mir, lese ich ein Interview mit den Dortmunder Fußballprofis Marcel Schmelzer, Mats Hummels und Mario Götze. Alle gehören zur Generation der jungen, vermeintlich gebildeten, eloquenten profi Profis, die auch nach 90 Minuten Kampf für die Mannschaft und Sieg noch fünf druckreife Sätze voreinander bringen. Sie fallen nicht negativ auf, trinken wohl eher alkoholfreies Bier und essen Nudeln, statt Pilsener und Kartoffelchips in sich hineinzustopfen. Sie sind frei von Skandalen, echte Vorbilder. In dem Interview erklären die Youngsters, wie schwer es sei, ständig beobachtet zu werden, wie hart das Leben als Profi sei und wie schwer die Bürde, ständig als Vorbild gesehen zu werden. Nebenbei sei bemerkt, dass ihre Sätze etwas weinerlich wirken aus den Mündern von Männern, die im Jahr zwischen 1 und 4 Millionen Euro verdienen und ihr Hobby zum Beruf gemacht haben (auch wenn man verstehen kann, dass ein 22-Jähriger manchmal was anderes machen möchte, als samstags um 8 Uhr aufzustehen, um sich warmzulaufen). Insgesamt klingen die Sätze, die Hummels, Schmelzer und Götze da von sich geben, gelernt, sie scheinen geschliffen und ihre Sprache trainiert. Erprobt darin, nichts Falsches zu sagen, nichts, das ihnen negativ ausgelegt werden könnte. Alles ist irgendwie trainiert und glatt, flüssig, technisch perfekt und effizient. Nur Charakter scheint da kaum durch.

Persönlich werfe ich solch jungen Spielern ihre Haltung oder vielmehr ihre fehlende Haltung nicht vor. Ich glaube vielmehr, dass sie damit exemplarisch dafür stehen, wie man sich heute junge Menschen wünscht - nicht nur im Sport. Angepasst, immer bedacht und zielstrebig. Das finde ich bedenkenswert! Überall werden diese Spieler als Vorbilder postuliert. „Der Hummels, das ist einer, an dem kann man sich ein Beispiel nehmen!” Und schon im Sport, wo das Leistungsprinzip wie nirgends sonst beheimatet ist, weckt diese Angepasstheit und die glatte Zielstrebigkeit mein Misstrauen. Mir ist klar, dass ein Verband oder Verein oder Berater Spieler ohne eigene Haltung lieber sieht. Sie sollen am Samstag Fußball spielen. Sie sollen Montag bei Beckmann sitzen und sagen, dass es nicht einfach ist, während des Fußballeralltags Abi zu machen. Sie sollen freundlich und grundsympathisch aus dem Nutella-Spot lächeln. Sie sollen fleißg trainieren und ihre modisch frisierten Köpfchen nach den Spielen in die Kameras halten und sagen, dass sie kaputt sind und gekämpft haben und glücklich sind oder traurig auch und vor allem für die Mannschaft. Sie sollen alle zwei oder drei Jahre einen besseren, weil lukrativeren, marktwertsteigernden Vertrag unterschreiben und sich bei alledem „vorbildlich” ernähren, damit ihr Körper, der ja schließlich ihr Kapital ist, das Spiel noch 10 oder 15 Jahre mitmacht.
So funktioniert Leistungs- bzw. Profisport. Die Hummels und Schmelzers und Götzes dieser Welt machen das seit ihrem 15. oder 13. oder 6. Lebensjahr so, denn sie wollten irgendwann bei Dortmund oder Bayern oder Paris oder Barcelona oder London spielen und oder viel Geld verdienen, und da muss man sich früh genau überlegen, was man tut und was man lässt. Das System ist knallhart: Wer sich verletzt, der bleibt hängen! Wer sich mit dem Trainer anlegt, fliegt raus! Wer besoffen im Internet steht, wird nicht nummeriert!
Und das, was Hummels und Schmelzer im großen Fußballgeschäft sind, das sind Lukas und Lisa im normalen Bildungsalltag. Auf Facebook sollte Lukas lieber nicht der Attac-Gruppe beitreten, sein Arbeitgeber könnte das missverstehen. Und Lisa engagiert sich zwar für Robben, das finden ihre Eltern super, sie hat auch eine Otterpatenschaft, aber darum muss sie ja nicht gleich zur Protestaktion vor dem Kürschner rennen. Um zur Demo gegen Studiengebühren zu gehen, haben beide leider keine Zeit: „Voll schade, aber die nächste Prüfung steht an, und Studieren ist so teuer geworden, dass man sich beeilen muss.” Die Bilder von der Abiparty, wo Lukas nackt in den See gesprungen ist, hat er von der eigenen Kamera gelöscht und hofft, dass sie niemand irgendwo postet.
Man muss halt sehen, dass man vorankommt, weil man ja ein Stipendium bekommen muss, denn irgendwann will man auch in München oder Bologna oder Paris oder Brüssel oder London oder New York studieren und oder arbeiten. Und oder viel Geld verdienen und da muss man sich früh genau überlegen, was man tut und was man lässt.
Diese Umstände werden sicher nicht von Lukas und Lisa bestimmt. Wenn an jeder Stelle fleißige junge Fußballer von den Plakatwänden lächeln und als Musterknaben herausgestellt werden, dann glaubt man das irgendwann. Wenn man seinen Bachelor möglichst mit 22 machen, sechs Monate im Ausland und drei Praktika gemacht haben sollte, um auf dem Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance zu haben, dann glaubt man das irgendwann. Und dann passt man sich an, strebt und hechelt und rennt und läuft und hält dabei die Klappe. Und solch strebsame Charaktere braucht ein Land, ein Unternehmen, eine Gesellschaft oder eine Gruppe ganz sicher, um vorwärts zu kommen, aber die Richtung, in die dieses Vorwärts zeigt, stelle ich in Frage. Mit einer solchen Lebensweise des „im-System-Funktionierens” findet man sicher viel, nur eben nicht sich selbst.
Ich persönlich will mich verlaufen dürfen, will in Fallen tappen, mir Schrammen oder gar Narben holen, die mich an Fehler erinnern, die ich nicht mehr machen will. Ich will mich nicht nur anpassen und funktionieren und widerstandslos durch die Welt gleiten. Dadurch entwickele ich mich nicht! Gleiten, das hinterlässt keine Spuren. 
Die Frage, die sich mir nach dem Lesen stellt, ist, ob Hummels und Schmelzer noch ihr eigenes Leben leben? Oder ist das irgendeines? Ist das ihre eigene Haltung oder irgendeine, die halt gerade da war, nahe lag und bequem war? Gehört einem dieses Leben noch?
Foto: under CC by ehst-tzwen

Mars oder Snickers? Das reicht nicht!

Und was sagt Gott dazu?

Überall liegt wer in seiner gedanklichen Hängematte und sucht nach einer Ausrede, um ja nicht selbst das Hirn anmachen zu müssen.
Ich finde, es kann nicht sein, dass in unseren Köpfen ein Leistungsmonster steckt und wir es nicht mal aufwecken. Oft schläft das Ding einfach tagelang da oben in seiner Höhle.
An vielen Tagen kreisen Gedanken nur um: Mars oder Snickers!
Oder: haben die Sport1 aus meinem DVB-T genommen…. das ist aber scheiße, wo kann ich denn jetzt die Snooker WM gucken.
Und dann bewegt sich das Gehirn irgendwann zwischen Fernsehen, der nächsten neuen Hose und  der Frage ob Sky komplett oder doch nur Sport Paket. Und wenn man das dann alles zu Hause hat?

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Entschuldigen Sie: Ignoranz ist scheiße

Ich habe ein Ziel. Einen Grund warum ich das hier mache.  Ich will ein Gefühl und eine Meinung zu dem haben, was ich hier mache. Ich werde nach Hause gehen oder sonst wohin, wo ich mehr oder auch weniger schlafen werde und ich werde das hier finden, gut oder schlecht, vielleicht grandios und himmelhoch jauchzend oder aber absolut ernüchternd. Auf jeden Fall werde ich eine Haltung zu dem Vergangenen haben, wenn auch nicht gleich, dann werde ich so lange meinen schlaflosen Blick an die Decke richten, bis ich eine Haltung gefunden habe zum Gewesenen. Vorher lasse ich mich nicht in Ruhe. Das bin ich mir schuldig. Denn es ist meine Zeit, die ich hier verbringe, dazu keine Haltung zu haben wäre fatal!

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Es ist raus

Hinter uns liegen gezählte Schritte und vor uns hoffentlich ungezählte mehr.
Es ist raus aus. Es schreit und trampelt nicht mehr in mir drin. Plötzlich ist es still.
Du stehst da und ich Dir gegenüber. Mitten im Hier auf einem Platz, der voll von Menschen ist, die das zwischen Dir und mir nicht im Geringsten interessiert geschweige denn betrifft. Hektisch rascheln Tüten an uns vorbei und Absätze klappern auf dem Stein. Nieselregen legt sich als kalter, nasser Schleier auf Menschen und Pflanzen und Feuchtigkeit kriecht in alle Ritzen und unter unsere Mäntel. Eben bin ich stehen geblieben, habe meine Hand auf Deine Schulter gelegt, Dich herumgedreht und aus dem Nichts den Satz: „Ich finde Dich toll“ gegriffen. Jetzt stehe ich da. Ich fühle mich nicht klein, nur unsicher. Bin mir aber sicher, dass das raus musste. Sonst wäre es in mir drin nur lauter geworden und irgendwann unterträglich. Ich habe meinen Rücken durchgedrückt und gesagt, dass ich Dich toll finde. Stimmen streifen unsere Ohren   und Novemberkälte würde  sich den Weg durch meine Kleidung bahnen, wäre da nicht mein Herz, das unaufhörlich pumpt. Es ist raus und ich stehe da. Zeit vergeht.
Du lachst kurz auf, als hätte ich einen Witz gemacht. Dann hältst Du inne und nimmst mich wahr. Vielleicht zum ersten Mal. Dann schlägt in Dir auf, dass ich nicht scherze.
Es vergehen scheinbar Jahre in denen nichts geschieht, in denen Du nichts sagst, nur ein Film, der hinter Deinen Augen abläuft. Alles gestoppt, als hätten die Zeit gerade tief Luft geholt und hielte nun den Atem an. Wir stehen da, im Licht von Schaufenstern, im Nieselregen mitten im Ende des Novembers. Und ich hoffe. Dann nimmst Du meine Hand und das fährt mir durch Mark und Bein. Im Augenwinkel sehe ich noch einen Mann mit Schieberkappe, der  lächelnd an uns vorbeigeht bevor er im Abend verschwindet. Es wird nicht gestammelt, nichts erklärt, gezweifelt, gehadert oder lamentiert. Du erklärst weder Dich noch mir die Welt.  Die Rotation steht still. Und ich denke noch, es müsste Musik im Hintergrund laufen. Meine Hand fasst Deinen Nacken und feine Härchen treffen meine Fingerspitzen. Das ist alles neu, nicht da gewesen, noch nie betreten, unentdeckt.  Mein Magen dreht sich gefühlt einmal die Welt und endlich… fehlt nichts. Lichter spiegeln sich auf regennassem Kopfsteinpflaster und Menschen laufen links und rechts an uns vorbei und während sich unsere Gesichter einander nähern, interessieren uns die Menschen mit ihre Tüten und Taschen nicht im Geringsten. Kurz bevor ich meine Augen schließe streift Freude Deinen Blick.
Der Kuss der dann kommt …
passt nicht nicht hierhin.