Entschuldigen Sie: Ignoranz ist scheiße
Ich habe ein Ziel. Einen Grund warum ich das hier mache. Ich will ein Gefühl und eine Meinung zu dem haben, was ich hier mache. Ich werde nach Hause gehen oder sonst wohin, wo ich mehr oder auch weniger schlafen werde und ich werde das hier finden, gut oder schlecht, vielleicht grandios und himmelhoch jauchzend oder aber absolut ernüchternd. Auf jeden Fall werde ich eine Haltung zu dem Vergangenen haben, wenn auch nicht gleich, dann werde ich so lange meinen schlaflosen Blick an die Decke richten, bis ich eine Haltung gefunden habe zum Gewesenen. Vorher lasse ich mich nicht in Ruhe. Das bin ich mir schuldig. Denn es ist meine Zeit, die ich hier verbringe, dazu keine Haltung zu haben wäre fatal!
Und ich will dass andere auch eine Haltung, eine Meinung haben zu der Zeit, die ich hier verbrachte. Und wenn Sie nicht gleich eine haben, dann bilden Sie sich gefälligst eine, mindestens eine. Denn das sind Sie mir dann schuldig, nachher, denn ich gebe hier was von mir. Ich stelle einen Teil von mir hier zur Schau. Und dazu hat man eine Haltung zu haben. Ich will gefallen oder auch nicht. Und auch Sie sind es sich schuldig, denn es ist ihre Zeit die ihr hier verbringt, ohne Haltung dazu, wäre sie nur vertrieben, die Zeit.
Ich will, dass ich etwas mit Ihnen mache macht und dass man sich von mir behandelt fühlt.
Nichts, nichts, nichts ist schlimmer als Ignoranz, als egal sein. Gewaschene polierte, blanke Ignoranz ist der Beginn von Menschenverachtung. Nein, sie ist zutiefst Menschenverachtend. Denn sie negiert die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Keine Meinung zu haben oder die Meinung, die man hat, aus Bequemlichkeit nicht zu äußern, weil man sich davor fürchtet behandelt zu werden, gut oder schlecht, ist der Anfang davon, wo wir aufhören Mensch zu sein. Meinung haben macht uns menschlich. Da hören wir auf funktionierende Figuren zu sein. Da beginnen wir aufrecht zu gehen und bekommen eine Haltung, zu uns, zum Leben, zu unserem Umfeld.
- Warum ich mich hier so echauffiere? Weil Ignoranz überall ist und dass lässt in mir die Wut aufsteigen.
- Warum steht ein Fußballer heute vor einer Fernsehkamera und sagt drei Minuten lang nichts.
- Warum geben Politiker Statements ab, die sie so formulieren, dass nichts in unseren Hirnen hängen bleibt.
- Warum muss alles verdammt politisch korrekt sein?
- Warum kann ich nicht einfach sagen, dass ich Frauenfußball einfach uninteressant finden!
Weil wir in einer Welt leben, in der alles einen zu messenden Wert hat. Wir haben alle einen Marktwert.
Kinder lernen im Kindergarten zwei Sprachen: Weil man ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt steigern will.
Wir essen Dinge, die alle einen Nähr-, oder Vitamin-, oder Brennwert haben.
Wir pflegen Hobbys, bei denen wir irgendwas dazulernen, um uns auszugleichen, um trotz des Alltagsstresses besser ausgeglichen zu sein.
Wir müssen uns ständig weiterbilden! Wohin denn weiter? Was kommt denn nach weiter? Wer fragt das denn noch?
Wir führen Beziehungen, die uns stets und ständig voranbringen sollen.
Alles ist messbar und alles sollte unseren Marktwert verbessern. Immer müssen wir vorankommen, zu einem Ziel, das niemand von uns je gesehen hat. Niemand!
Und da passt es nicht ins Schema Dinge zu sagen und zu finden und zu meinen, die jemand finden kann, gut oder schlecht.
Aber ich will wenigstens versuchen mehr Meinung zu haben.
Denn es sind Meinungen und Haltungen, die uns aneinander stören, die uns aus unserem Trott reißen. Es entstehen Störungen zwischen uns, die zu unserer Entwicklung beitragen. Die dazu führen, dass wir uns aneinander abreiben und uns entwickeln. Störungen, die uns Impulse geben, die uns anstoßen über uns nachzudenken. Und wir dann etwas herauszupulen aus uns, das aber eigentlich längst in uns wohnt.
Es ist so:
Haltung und Meinung trennen Entscheidung von Zustand. Trennen Irgendwas von jemand sein. Und warum ist das wichtig? Warum ist es wichtig „jemand“ statt „irgendjemand“ zu sein? Weil es um Glück gehen muss. Jemand sein ist näher an Glücklich sein als irgendjemand sein! Denn jemand zu sein, der sich seiner bewusst ist, der zu sich selbst eine Haltung hat, der kann auch Glück finden, nicht irgendeines, sondern sein eigenes Glück!
Aber von Glück spricht heute keine Sau! Niemand!
- Wann kommt in der Tagesschau das Wort Glück vor?
- Welches Parlament redet davon?
- Wo findet man in einem Unternehmen Glück?
Glück ist was für Kinder und Spielautomaten und die Bunte, aber kein anerkanntes Lebenskonzept.
Aber Glück, im Sinne von etwas fühlen, etwas dass tief in einem drin, zwischen Magen und Herz, beruhigend etwas surren lässt, das hat keinen Platz, weil es keinen Wert hat.
Bei Glück geht es um Gefühl und das ist zwar beschreibbar, aber nicht messbar. Das kann ich auch nicht gesagt bekommen, dass muss ich finden, für mich allein.
Das bedeutet auch man muss sein Lebensgefühl finden. Aber wer hat denn noch eines, ein gutes Lebensgefühl?
Das Paradigma der Effizienz hat doch zunehmend das verdrängt, was man Lebensgefühl nennt.
Ein Gefühl, dass einem sagt, wann man Hunger hat und worauf, ohne erst zwei Ernährungsratgeber und zehn Kalorienampeln gelesen zu haben. Ein Gefühl, dass mir sagt, dass ich müde bin, ohne dass ich ein Buch darüber gelesen habe wie viele Stunden Schlaf ideal sind, um optimal leistungsfähig zu sein.
Ein Gefühl dafür, dass es manchmal Situationen gibt, die nicht besser sein könnten, dass der Mensch der gerade neben, auf oder in mir liegt jetzt und hier für mich perfekt ist.
Dies alles ist ein Gefühl fürs Leben ein Lebensgefühl und das ist nicht messbar, Lebensgefühl ist unmessbar und unmessbar subjektiv. Da kann ich kein Meter dran legen und keine Uhr nach stellen. Und deshalb macht es die nervös, die alles daran setzen Leben zu verregeln und mit Effizienz zu Kolonialisieren.
Die überall eine kleine Fahne hineinstecken auf der dann steht: „Haben wir auch messbar gemacht!“ Nicht nur Laufwege von Fußballern und Redezeiten im Kanzlerduell können wir genau bestimmen, sondern auch den Härtegrad deines Penisses nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel: Also iss mehr Ananas, dann hast Du eine bessere Ehe! Denn Paare bei denen der Partner ein überdurchschnittlich hartes Glied hat, die sind durchschnittlich 3,6 Jahre länger zusammen!
Ich will, dass hier was von mir hängen bleibt. An mir und am Ihnen oder unseren Gedanken und Meinungen und Haltungen. Das was man macht muss hängen bleiben, denn wenn nichts hängen bliebe, dann wäre es so, als wäre das hier alles nicht passiert. Dann wäre das hier nur egal.
