Aus dem Leben eines Schmerzensmanns

Meine Schulter an der kalten Wand gelehnt, sehe ich wie sie sich amüsiert. Sie tanzt nun schon seit einer Stunde. Sie tanzt zu Musik, die wir beide nicht mögen; zumindest hat sie immer gesagt, dass sie sie auch nicht mag. Sie tanzt und wirft die Haare durch die Luft, ihre nicht mal schulterlangen Haare sind mittlerweile ganz verschwitzt. Und das bunte Licht spiegelt sich auf ihrer verschwitzten Stirn. Sie hat Spaß und ich hänge hier fest.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir diesen Abend gemeinsam verbringen. Dass wir ein paar Bier trinken und reden und dass ich ihr dann irgendwann sagen würde, dass ich mir wünschte neben ihr aufzuwachen. Ich hatte das wirklich vor; heute Abend wollte ich  endlich sagen, dass ich immer an sie denke. Und nun tanzt sie, seit mindestens acht oder neun Liedern schon. 

Wie festgeklebt lehne ich hier an der Wand und kann weder vor noch zurück, ohne mein Gesicht zu verlieren. Denn tanzte ich mit, würde ich unglaubwürdig! Ich habe doch immer behauptet, Madonna und George Michael zu hassen. Und wer konnte denn ahnen, dass sie hier das Programm ändern und heute “Neunzigermusik” spielen. Ich meine ich hätte schon getanzt, um des Tanzens willen. Aber jetzt ist es zu spät. 

Jetzt stehe ich hier, schaue ihr zu und hebe grüßend mein Kinn, wenn sich ihr Blick mit meinem kreuzt. Zweimal hat sie schon mit den Lippen “Komm” geformt und dabei den  Finger lockend gebeugt, um mich auf die Tanzfläche zu locken. Ich habe cool zu schauen versucht, den einen Mundwinkel hochgezogen und den Kopf geschüttelt. Warum habe ich den Kopf geschüttelt. Warum habe ich nicht einfach mein Hirn ausgeschaltet, warum war ich nicht einfach inkonsequent. Ich hätte nur das Kreuz durchdrücken müsse, um zwei Schritte auf die Tanzfläche zu machen.
Vielleicht hätten wir dann miteinander getanzt, uns dabei angelacht und wenn wir uns noch was zu trinken an der Theke geholt hätten, dann hätte sie mich einfach geküsst, vielleicht. 

Stattdessen stehe ich jetzt hier, lehne an der Wand und sehe ihr zu. Sie hat einfach Spaß und wir sind nicht mehr zusammen hier. Sie ist hier und vergisst, was morgen ist und ich denke nur daran, wie ich es schaffe morgen mit ihr zu frühstücken. 
Wenn ich hier warte, bis sie müde ist und wir dann zusammen nach Hause gehen, kann ich sie vielleicht fragen ob wir zusammen frühstücken gehen wollen. In dem kleinen Café an der Ecke, wo es diesen Tisch gibt, an dem man nah am Ofen sitzt -wo es warm ist- und gleichzeitig nicht so mitten im Raum, dass einem jeder zuhören kann. Das wäre schön, wenn wir dort morgen säßen und frühstückten. 
Ich hoffe, dass ich das fragen kann, wenn wir vielleicht nachher zusammen den Berg nach Hause hinaufgehen, bis zu der Ecke an der sie immer nach links und ich dann nach rechts gehe. Aber jetzt, jetzt stehe ich erstmal hier und muss warten bis sie müde wird.     

Damit ihr mal wisst wie das ist, wenn man gefangen ist. Gefangen in den Wünschen, die man sich nicht auszusprechen wagt.
Foto: Flickr under CC by Tobi_digital