Von Strickjacken und Bankenprotesten

In den Feuilletons und Blogs findet gerade –Online wie Offline eine Debatte um den „modernen Mann“, den „Schmerzensmann“ oder, um es allgemeiner zu fassen um Geschlechterrollenstatt.
In den Artikeln und Kommentaren geht es um zunehmend emotionalere Männer, die sich ihrer Gefühle bewusst werden, die diesen Ausdruck verleihen, um Männer, die sich in Leben mit reflektiertem Ich hineinzufinden versuchen. Die Autorinnen und Autoren (es sind mehrheitlich Frauen)  beleuchten  –häufig zynisch mit der Zunge schnalzend– Männer, die auf der Suche nach ihrer Rolle strickjackentragend und humorlos zu scheitern drohen.
Der eine Teil begrüßt den neuen Mann mit offenen Armen, schließt ihn in dieselben und freut sich, endlich emotional auf Augenhöhe zu kommunizieren und die gleichen Konzerte und Filme anschauen und Bücher lesen zu können.
Der andere Teil ist genervt, sehnt sich bei Männern nach Ironie und Selbstbewusstsein, nach der starken Schulter und dem entschlossenen Sprung, über die Barriere zwischen platonischer und körperlicher Nähe. 

Mit etwas Abstand betrachtet lässt sich feststellen, dass Einigkeit darüber besteht, dass Männer insgesamt eine Bewegung zu Emotionalität vollziehen. Die Frau als alleinige Verwalterin der Werte Emotionen und Zwischenmenschlichkeit verschwindet. Der Satz “besprich das mal mit Mama” fällt immer seltener aus dem Mund junger Väter. Es gibt offensichtlich einen gemeinsamen Wunsch nach Menschlichkeit, Nähe, Selbstfindung und Verwirklichung.

Interessant wird diese Beobachtung, wenn man sie in einen Zusammenhang mit den so genannten Occupy-Bewegungen stellt, die sich seit dem Herbst 2011 auf der ganzen Welt gebildet haben. In ihr versammeln sich Menschen, die zuallererst friedlich gegen die Macht der Banken demonstrieren. Sie haben wenig konkrete Forderungen, sondern verleihen einem Gefühl von massivem Unmut Ausdruck. Sie protestieren gegen Wirtschaft und Politik, die nicht mehr als erstes der Gesellschaft und den in ihr lebenden Menschen dient. In den Augen der „Occupisten“ werden prioritär die Bedürfnisse der wenigen befriedigt, die einen Großteil des wirtschaftlichen und politischen Einflusses auf sich vereinen. Den Menschen dieser Bewegungen ist gemein, dass sie eine Wirtschaft wollen, die den Menschen dient. Eine Wirtschaft und eine Politik, die dazu beiträgt Rahmenbedingungen zu schaffen in denen Menschen eine selbstbestimmtes Leben führen können.

Wenn man nun also das Streben dieser Bewegungen als ein Streben nach mehr Menschlichkeit, nach mehr-Mensch-sein-dürfen und wieder-Mensch-sein-können versteht, dann erscheint an dieser Stelle ein Schnittpunkt in den Zielen der Occupy-Bewegung und der Sehnsucht junger Männer und Frauen, nicht nur einer Rolle zu dienen, sondern sich selbst finden zu dürfen und finden zu können.
Es ist, so scheint es, der Wunsch nach so etwas wie Wärme, nach Menschlichkeit, die in den kalten Jahrzehnten der Herrschaft des Effzienz-Paradigmas verdrängt worden ist. Einer Menschlichkeit, die nicht zählbar ist, der man eben nicht mit Wachstum oder Rendite an den Börsen Ausdruck verleihen kann. 

Wenn die hier aufgezeigten Debatten und Bewegungen tatsächlich Ausdruck einer schwelenden Sehnsucht nach menschlichen Werten sind, dann ist es an Politikern Werte  wie Solidarität, Rücksicht und Gemeinschaft wieder mehr in das Zentrum politischer Überlegungen zu stellen. Und sie täten vermutlich gut daran, denn die handelnden Akteure in ihren politischen Arenen haben ein Problem der Akzeptanz ihres Handelns und ihrer Ziele. Die Debatten, die sie führen bewegen wenige und lösen weder Zuspruch noch reflektierten Widerspruch aus.
Es wäre demnach wünschenswert, wenn sich die Damen und Herren in den grauen Anzügen auf die Suche begeben würden; auf die Suche nach den Werten in ihren Agenden. Wenn sie das Herz in die Hand nähmen und 
anfingen über die Verwirklichung dieser Werte mit und durch Politik nachzudenken

Bild cc by: kate.gardiner