Twitter auf der Regierungsbank, eine Augenklappe für die Kanzlerin!

Die Kanzlerin ist strategisch so gerissen wie sie inhaltlich frei von Überzeugungen ist. Sie hält ihren Kopf nicht in den Wind. Frau Merkel mag keine Bewegung. Sie mag stetig eine schleichende Festigung ihrer Macht. Sie übernimmt Themen, wenn zu gesellschaftlichen Trends werden, schleift ihnen die progressiven Ecken ab und macht sie so, auch in konservativeren Kreisen der Mitte, konsensfähig. Den Instinkt für derartige Strömungen hat sie es beim Betreuungsgeld, der Energiewende und jüngst beim Mindestlohn unter Beweis gestellt. Forderungen, die die politische Konkurrenz mit gesellschaftlicher Unterstützung an sie zu stellen droht, laufen so einfach ins Leere. Denn die Kanzlerin ist vor Ort, ehe sich ein Bündnis gebildet und eine Initiative geformt hat, um ein Thema zu besetzen.
Jetzt wo die Piraten in Stadt und Land auf dem Vormarsch sind, erkennt Merkel, dass die Menschen nach echten Menschen lechzen; nach Politikern, die menschlich sind, die eine Meinung haben oder mindestens ein Gefühl.
2011 entdeckte der Merkel nahestehende Peter Altmeier Twitter für sich. Fortan spielte der designierte Umweltminister mit Freund und Feind Kommunikations-Ping-Pong im Internet. Man unterhielt sich mit Politikern und Interessierten auf Augenhöhe, kabbelte und flauschte sich ein bisschen. „Vielleicht ist die Union ja doch nicht so trocken und uncool wie man meinen mag“, dachte mancher, „Wenn schon ein vom Habitus so wenig cooler Mensch der Union so kommunizieren kann.“ Und tatsächlich ist Altmeier einer der was Aushält, der den Diskurs und die Debatte sucht. Und so war es Christ-Pirat Altmeier, der dann auch am Tag nach dem Seehoferschen Aussetzer diesen, vor der Presse, zu einem Versuch umdeutete, Transparenz zu schaffen. Einen Tag weiter entließ Merkel ungewohnt eindeutig ihren einstigen Ziehsohn Röttgen und machte Altmeier zum Chef des Energiewendeprozesses. Damit wurde nicht nur ein originär grünes Thema zur Chefsache der Kanzlerin erklärt, darüber hinaus holte sie auch moderne Onlinekommunikation in Person Altmeiers ins Kabinett.
Peter Altmeier wird nun also Umweltminister und Merkel hofft wohl, dass die 8-13 Prozent, die sich nach piratigem Lebensgefühl, nach Transparenz und Menschlichkeit sehnen, dass diese ein bisschen Augenklappe und Authentizität, eine Prise Menschlichkeit und Diskursfreude auf der Regierungsbank entdecken.
Foto under cc by giesenbauer on Flickr









